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Flugtreibstoffe werden aufgrund des Krieges im Nahen Osten und der Raffineriestrukturen zum grössten Problemfaktor auf dem europäischen Ölmarkt. Die europäische Ölindustrie tut, was sie kann, um sich anzupassen.

Raffinerien am Persischen Golf, die normalerweise etwa 20% des Flugtreibstoffs der EU liefern, sehen ihre Ladungen hinter der Strasse von Hormus festsitzen. Viele Anlagen wurden beschädigt, sodass ungewiss ist, ob sich die Lieferungen jemals wieder auf ein normales Niveau einpendeln werden.

Die Fluggesellschaften geben an, dass derzeit kein Mangel herrscht, doch zweifellos spüren sie die Auswirkungen der atemberaubenden Flugtreibstoffpreise, die bei umgerechnet 196 Dollar pro Fass liegen. Lufthansa und KLM haben aufgrund steigender Treibstoffpreise bereits ihren Flugplan gekürzt. EasyJet warnte, dass es aufgrund des Iran-Kriegs zu einem Verlust im ersten Halbjahr kommen könnte. 

Europa ist anfällig, da seine Raffinerien seit vielen Jahren nach und nach geschlossen werden, da sie nicht mit den grösseren und effizienteren Anlagen in Asien konkurrieren können. Es besteht jedoch kaum Aussicht darauf, dass diese Region in der aktuellen Krise zur Rettung eilt. Im April sind die fehlenden Mengen Flugtreibstoffe durch Importe aus Nordamerika und Afrika ersetzt worden. Die gesamte Importmenge Europas befand sich zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Niveau des Vorjahres. Trotzdem wird es eine riesige Herausforderung sein, in den Sommermonaten, wo der Flugtreibstoffbedarf typischerweise steigt, die Lieferungen aus dem Nahen Osten zu ersetzen.

Die Ölindustrie arrangiert sich mit der neuen Situation

Die Raffinerien in Asien haben ihre Treibstoffproduktion gedrosselt, da die Sperrung der Strasse von Hormus ihre Rohölversorgung eingeschränkt hat. Infolgedessen hat die Region ihre eigenen Treibstoffprobleme. So begrenzt China bereits die Exporte von Diesel und Benzin, um die lokale Versorgung sicherzustellen. Indiens Reliance Industries Ltd. – ein bedeutender Exporteur von Flugbenzin aus seiner riesigen Raffinerie in Jamnagar – hat beschlossen, die Produktion von Flüssiggas (LPG) für den heimischen Koch- und Heizzweck zu steigern und dafür die Ausbeute anderer Produkte zu reduzieren.

Die Shell’s Pernis-Raffinerie in den Niederlanden, die grösste des Kontinents, maximiert die Produktion von Flugtreibstoffen. Doch die Anlage muss, wie andere Raffinerien weltweit auch, nach Ersatz für Rohöl aus dem Nahen Osten suchen und dafür den notwendigen Aufpreis bezahlen. Ein Lichtblick ist eine neue Mega-Raffinerie in Nigeria. Die Anlage erreichte ihre volle Kapazität von 650’000 Fass pro Tag erst wenige Wochen vor Kriegsbeginn und hat ihre Flugtreibstofflieferungen nach Europa bereits auf ein bisher nicht erreichtes Niveau gesteigert.

Quelle: Bloomberg